Springer, Luise

Medienspezifische Sprachperformanz.

Thesis
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DK

RSWK


Doctoral Dissertation accepted by: Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen , Philosophische Fakultät, 2004-07-12

Zusammenfassung

Die vorliegende empirische Studie liefert detaillierte Belege, in welcher Weise die Sprachperformanz durch dialogische und mediale Einflussfaktoren geprägt ist. Demnach sind Wortwahl und Syntax sowie das Monitoring- und Repairverhalten sowohl von Personen mit zentralen Sprachstörungen (Aphasien) als auch von hirnorganisch gesunden Personen von den jeweiligen interaktiven und medialen Produktions- und Rezeptionsbedingungen spezifisch beeinflusst. Die Ergebnisse beruhen auf linguistischen und prüfstatistischen Analysen mündlicher und computergestützter schriftlicher Textproduktionen, bei denen kontextuelle Faktoren, Gesprächspartner und semantische Textsorte (Filmbericht) vergleichbar gehalten wurden. Die Probanden waren einerseits acht Personen mit chronischem Agrammatismus und andererseits acht hirnorganisch gesunde Kontrollprobanden, die nach Geschlecht, Schulbildung und Alter (45 - 75 Jahre) mit den aphasischen Probanden vergleichbar waren. Hinsichtlich des Medialitätsmodus (mündlich vs. schriftlich) zeigt sich, dass die Ausprägung des Agrammatismus durch die transitorischen Eigenschaften der mündlichen Textproduktion verstärkt wird. Da Aphasiker nur über ein reduziertes Zeitfenster zur Prozessierung ihrer Sprachäußerungen verfügen, finden sich im mündlichen Modus vermehrt lange, gefüllte Pausen und iterative Strategien, welche die sprachlichen Gedächtnisfunktionen entlasten und die Aufrechterhaltung des Rederechts ermöglichen. Dagegen schafft die graphische Plattform beim Schreiben und Lesen eine stabile Möglichkeit der Bearbeitung von Sprachstrukturen, so dass alle sprachlichen Ressourcen genutzt werden können. Dies erlaubt den Probanden im monoaktiven Schriftmedium einen literaten Stil zu verwenden, der durch einen höheren Anteil nominaler Elemente, durch größere Wortvariabilität für Verben sowie durch längere und komplexere Phrasen- und Satzstrukturen gekennzeichnet ist. Wie sich zeigte, erfordern die Online-Bedingungen der FACE-TO-FACE-Kommunikation eine rasche Sprachverarbeitung und die Synchronisierung mit dem Interaktanten. Dies führt bei beiden Probandengruppen zur Bevorzugung eines einfachen Sprachstils mit kurzen und nebengeordneten Sprachstrukturen. Auch im schriftbasierten COMPUTER-TALK wählen beide Probandengruppen eine Sprache der Knappheit mit vielen Satzfragmenten und parataktischen Strukturen. Damit bestätigt sich die These, dass die neuen Kommunikationsmedien (CHAT und COMPUTER-TALK) eine Zwitterstellung zwischen Oralität und Literalität einnehmen, indem sie zwar schriftlich prozessiert, jedoch "re-oralisiert" sind. Des weiteren liefert die Studie einen adaptationstheoretischen Beitrag zur Erklärung der variablen Ausprägung des Agrammatismus. Zwar ließ sich die "Overuse"- und Ellipsen-Hypothese erhärten, dass die telegrammstilhaften Äußerungen von Agrammatikern überwiegend aus wohlgeformten "Kontextellipsen" bestehen. Jedoch lässt sich diese Adaptation nicht ausschließlich auf die reduzierte Verarbeitungskapazität von Agrammatikern zurückführen, sondern erfolgt - wie bei gesunden Sprechern - aufgrund einer strategischen Anpassung an die jeweiligen medialen Dispositive und kommunikativen Bedingungen. Alles in allem zeigt die Studie, dass chronische Agrammatiker mittleren- bis leichten Schweregrades trotz Sprachstörung ebenso wie Sprachgesunde über einen flexiblen Zugriff auf sprachliche Formate verfügen, die sie dem jeweiligen Adressaten, dem kommunikativen Ziel und der medialen Performanz anpassen. Die intra-individuelle Variabilität des Agrammatismus lässt sich demnach nur erklären, wenn die mediale und interaktive Bedingtheit der Sprachverwendung berücksichtigt wird. Die Beispiele der Sprachperformanz von Aphasikern schärfen insofern den Blick auf eine allgemeine Eigenschaft der Sprache: Sprachliches Wissen ist nicht kontextunabhängig organisiert, sondern wird medialitätsspezifisch und interaktionsabhängig prozessiert.

Betreuer
Gutachter Jäger, Ludwig, Prof. Dr.
Gutachter Huber, Walter, Prof. Dr.

Upload: 2004-08-18
URL of Thesis: http://sylvester.bth.rwth-aachen.de/dissertationen/2004/146/04_146.pdf

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